I
N
S
Z
E
N
I
E
R
U
N
G
E
N

 

2013
DER GELDGOTT
Komödie nach Aristophanes
von Peter Hacks
Berlin

Besetzung............. Galerie...................................................zur Übersicht


Hell, derb, possenhaft, tragisch
Gerd Bedszent/ In: Junge Welt 11. 10. 2013

Töpfer Chremylos ist frustriert. Aus finanzieller Not steht er vor der schweren Entscheidung, entweder seine geliebte Sklavin Fifine an den alten Geizkragen Lüsterblick zu verkaufen – oder aber sich selbst an die reiche Witwe Beutelrock. Das Orakel von Delphi rät ihm, einem blinden Bettler zu folgen. Dieser erweist sich als der Geldgott Pluto, dem Obergott Zeus wegen Verstoßes gegen die Verteilungsgerechtigkeit das Augenlicht genommen hat. Entzückt kratzt Chremylos seine letzten paar Kröten zusammen und schickt den Gott ins Krankenhaus. Daß Pluto dann geheilt wieder auftaucht, bringt für den Töpfer aber keinen Vorteil. Denn der Geldgott verteilt kein Geld, sondern sorgt nur dafür, dass es sich vermehrt – ist also nur für die Leute gut, die schon welches haben. Und auch das Auftauchen der Göttin Fortuna ist wenig hilfreich – in ihr Glückshorn passt nämlich immer nur ein Einzelner rein.

„Der Geldgott“ ist eines der späten Werke von Peter Hacks. Es wird im Theaterforum Kreuzberg gegeben, eine Inszenierung des Simon Dach Projekttheater (Regie Peter Wittig). Hacks adaptierte 1991 eine uralte Komödie, die satirisch überhöhte Anklage des Aristophanes, daß im kriegsbedingt ausgebluteten Stadtstaat Athen alles Geld in den falschen Taschen verschwindet. Sie wird nun zur Parabel über die verkehrende Wirkung des Geldes überhaupt. Hacks zeigt: Bei der Jagd auf Pluto werden alle menschlichen Beziehungen zerstört, am Ende hat Chremylos das Leben seines Mädchens vernichtet. Keine sehr komische Komödie. Helles, derbes, possenhaftes Volkstheater. Ein Melkschemel als Phallus und glitzernde, die soziale Stellung markierende Hütchen erheitern die Zuschauer. Dann aber – da der Held sich mit Gott Geld einlässt – stürzt die Komödie hinunter ins Tragische. Die Sklavin liegt an der Hundekette und wird wohl umgebracht. Pluto grinst sich eins, schließlich hat er Chremylos gewarnt: Die neugegründete Aktiengesellschaft des gewesenen Töpfers sei keine Bank und könnte mit keinem Rettungsschirm rechnen.

Die an dieser Produktion beteiligten sehr unterschiedlichen Darsteller – jahrzehntelange Theatererfahrung trifft auf allererste Anfänge – wachsen an der gemeinsamen Aufgabe zu einem Ensemble. Stellvertretend seien hier genannt Silvia Juliane Reichert als energische, wenn auch vergeblich gegen die Monetarisierung ihres Liebeslebens aufbegehrende Sklavin und Gina Pietsch als raumgreifende, ebenso wohlmeinende wie verwirrte Glücksgöttin.



Teamarbeit, Haltung, Kontexte zur Gegenwart
Peter Liebers/ In: Märkische Oderzeitung 11. 10. 2013

Peter Hacks hatte sich Ende des Jahres 1976 als Dramatiker ins Aus katapultiert. In der „Weltbühne“ hatte der in Ostberlin lebende Dichter kurz nach der Ausweisung Wolf Biermanns aus der DDR erklärt, der sei „gar nicht so gut, wie man annimmt“. […] Die Bühnen Westdeutschlands reagierten prompt und strichen die bis dahin viel gespielten Stücke von Hacks aus ihren Spielplänen.

Da die Zensur der DDR-Kulturbehörden seine Stücke auch eher untersagte („Die Sorgen und die Macht“, „Moritz Tassow“) als förderte geriet Hacks in Vergessenheit. Was den […] Schriftsteller nicht davon abhielt, seine Produktivität weiterhin einzusetzen, denn ein „klarer Kopf“ wie er „arbeitet unabhängig davon, ob seine Klugheit Konjunktur hat oder nicht“, wie sein Kollege Wiglaf Droste urteilte. […]

Dem Initiator des Simon Dach Projekttheaters, Peter Wittig, ist es danken, dass die 1991 entstandene Komödie „Der Geldgott“ endlich ihre Berlin-Premiere erleben konnte. Anlass für die Friedrichshainer Truppe ist der zehnte Todestag von Hacks.

Wittig, Meisterschüler bei dem legendären Opernregisseur Joachim Herz, […] brachte 2012 Hacks´ Lustspiel „Der Müller von Sanssouci“ im Kreuzberger Theaterforum heraus und erarbeitete mit seinem 2002 gegründeten Projekttheater nun eine zweistündige Spielfassung der von Hacks nach Aristophanes kunstvoll gebauten Geschichte um den Sieg des Geldes über die Moral und menschliche Würde.

Das Publikum erlebt acht in ihrem Charakter klar gezeichnete Schauspieler. Dabei zahlt sich die Teamarbeit aus, indem sie neben ihrem komödiantischen Spiel eine Haltung entwickeln, die Kontexte und Bezüge zur Gegenwart liefert, ohne das den Stücken Hacks´ nicht fremde didaktische Moment über Gebühr zu strapazieren. Gina Pietsch beherrscht als Glückgöttin Fortuna in einer Mischung aus schneidendem Verstand und unausweichlichem Charme furios die Szene. An Brecht geschult findet sie die Balance zwischen dem schönen Schein und dem Risiko, sich in einer vom Mammon bestimmten Welt zu verlieren.

Wenn der Dichter Hacks meinte, Sozialismus und Kapitalismus hätten beide ihre Nachteile, „Sozialismus ist zu vergleichen mit einem sauren Apfel und Kapitalismus einem etwas verfaulten“, dann ist dieses Gedankenspiel auch an diesem Abend trotz tieferer Bedeutung vergnüglich, das Lachen bleibt einem nicht im Halse stecken. Das würde Hacks vermutlich sehr gefallen haben.

Der letzte Absatz wurde bei der Veröffentlichung redaktionell gestrichen.

Mehrbödige Komödie
Andreas Flämig/ 13. Oktober 2013

[…] Spätestens 1991, als der Traum „DDR“ längst ausgeträumt war und alle vormaligen Sozialisten auf deutschem Boden nach der verheißungsvollen D-Mark gierten, muss Peter Hacks (1998–2003) politische Magenkrämpfe bekommen haben. […] Greifswald brachte seinen „Geldgott“ 1993 auf die Bühne und nun, quasi als Berliner Erstaufführung anlässlich des 10. Todestages von Peter Hacks, SiDat!, das Simon Dach Projekttheater […] im Theaterforum Kreuzberg. Das ist erfreulich gut mit einem wissenden und durchaus klugen Publikum gefüllt, darunter erstaunlich viel Jungvolk. Das erwartet eine Komödie – und bekommt auch eine, aber eine eher mehrbödige, fast sarkastische. Skurrile Figuren gehen auf und ab, zwängen sich durch ein labyrinthisches Bühnenbild, turnen gekonnt auf einer simplen Malerleiter herum und liegen am Ende, bis auf eine Ausnahme, alle im Staub vor dem Geldgott. Sämtliche Liebes- und verwandtschaftlichen Beziehungen gehen zu Bruch, irdene Töpferware muss hässlichem Plastgeschirr weichen und die Reichen tanzen volltrunken die Blankeneser Polonaise.

Dabei hat alles so gut angefangen. Töpfer Chremylos (sehr lebendig, aber im Sprechen oft zu schnell: Markus Riexinger) ist zwar arm an Geld, aber reich an Fifine, seiner Sklavin, die er über alles liebt, und die man in ihrer sympathischen Mimik und Gestik (Silvia Juliane Reichert) einfach lieb haben muss. Doch sie fällt – dem Geldgott ein erster Fluch! – an Lüsterblick, einen reichen Alten (solide: Robert Schonk). Und da Chremylos die für mehrhundert Drachmen georderte Tonerdenlieferung nicht bezahlen kann, muss er sich in die Arme der ungeliebten reichen Alten Beutelrock (sehr überzeugend: Margarete Steinhäuser) werfen. Der groteske Tanz um das Goldene Kalb ist nicht zu stoppen, mehrfach und sehr wirkungsvoll mit Musik-Zitaten aus Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ unterlegt. Und immer mittendrin – der weinerliche, seelenlose, vergessliche, undankbare, kalte Geldgott (sehr gut: Christian Stotz), der weder mit seiner Schwester, der Göttin der Armut (sehr konzentriert und immer im Bilde – Milena Klingel), noch mit seiner Mutter, der Glücksgöttin Fortuna (hervorragend: Gina Pietsch), etwas zu tun haben möchte. […]

Da hilft Fifine nur noch die Flucht in das kunstvoll geschmiedete und erotisch geschmückte Füllhorn von Fortuna. Aus dem ist sie auch mit Gewalt nicht mehr herauszuholen. Daraufhin fügt Wittig eine kollaterale Kreissäge ins Finale. Für ihn bietet auch das Füllhorn keine sichere Zukunft. Wo diese zu finden ist, lässt der Regisseur offen. […]

Wie dem auch sei – Wittigs „Geldgott“ vermochte dennoch zu überzeugen. Zu loben sind die Lebendigkeit, so manch bissiger Regieeinfall, Bühne und Kostümen und vor allem die hintergründige Ironie dieser Inszenierung. Paupertas zum Beispiel, die Göttin der Armut, muss neunzig Minuten lang soufflieren und requisitieren. […] Der ach so eloquente und publike Herr Kohr (gut: Robert Klatt) erweist sich letztlich auch nur als eine erbärmliche Marionette seiner selbst.

Bertolt Brecht hätte hätte der SiDat!-Inszenierung mit Sicherheit applaudiert. Denn sie wirft Fragen auf, die nur der Zuschauer beantworten kann, so er dies kann und möchte.

nach oben

Aktuell, unterhaltsam, lehrreich
Peter Nowak/ In: Der Freitag Online 07. 10. 2013

[…] Am 28. August 2003 ist Peter Hacks gestorben, ein Mann, der schon lange vor seinem Tod für altmodisch und überholt erklärt wurde. Schließlich galt in der postmodernen Theaterkultur niemand als so anachronistisch wie ein kommunistischer Dramatiker, der mit seinem Stücken immer auch erkennen will, wie die Gesellschaft funktioniert. Von der Aktualität eines Hacks-Stücks kann man sich im Theaterforum Kreuzberg überzeugen. Dort wird vom Simon Dach Projekttheater in der Regie von Peter Wittig die Komödie "Der Geldgott" aufgeführt. Hacks gehörte bekanntlich zu den DDR-Oppositionellen, die an der Politik der SED deswegen zunehmend verzweifelten, weil sie Kommunismus immer unmöglicher machte und mit zum Ende der DDR beitrug. Er war einer der wenigen Intellektuellen, der nach 1989 nicht zum Wendehals wurde. […]

Mit seinem Stück „Der Geldgott“ reagierte Hacks auf die Rehabilitierung des kapitalistischen Wertgesetzes nach 1989. Das Stück wurde 1993 zunächst nur am Theater Greifswald aufgeführt. […] Die Mutmaßung, dass Hacks´ Stücke nur noch in Vorpommern laufen können, hat sich zehn Jahre später als falsch erwiesen. Es waren auch viele jüngere Leute, die das Stück im Theaterforum sehen wollen und vielleicht von einer Repräsentationsbühne nicht erreicht würden. Das neue Interesse kann auch darin liegen, dass Verhältnisse einfach wieder reif sind für Hacks materialistische Gesellschaftskritik auch im Theater. […]

Besonders überzeugend spielte Robert Klatt den Betriebsrat Herrn Kohr, der seine 400 Kollegen gleich mitvertrat. Die vergnügten sich derweil beim Fußball. Kohr machte aber auch deutlich, dass ihn nicht die Kunst, sondern eine Erkältung in das vor den Unbilden der Witterung geschützte Theater trieb. Seine Inventionen in das Stück sind urkomisch und haben doch etwas sehr Aufklärerisches. Hacks hält mit der Gestalt des Herrn Kohr einen um sich selbst kreisenden Theaterbetrieb den Spiegel vor. Wenn sich Herr Kohr gleich eine der Bühnenkulissen schnappt und als Fußstütze nützt, kommt einem die alte Mutter im ersten Kapitel von Peter Weiss´ Monumentalwerk „Ästhetik des Widerstands“ in den Sinn, die sich wenig respektvoll über den antiken Plunder auslässt und großes Verständnis dafür hat, dass er von den griechischen Armen zum Häuserbau benutzt wurde. Insgesamt ein sehr unterhaltsamer und lehrreicher Theaterabend.

Die Zeiten sind danach
Regisseur und Bühnenbildner Peter Wittig über Peter Hacks´ »Der Geldgott«
Neues Deutschland, 04. 10. 2013/ Fragen: Marion Pietrzok

Herr Peter Wittig, Sie zeigen Peter Hacks´ Stück »Der Geldgott« als Bühnen-Erstaufführung für Berlin, gehören also zu den immer mehr werdenden Schatzgräbern, den Hacks-Wiederentdeckern. Was für ein Stück ist das?
Das Stück heißt nach dem antiken Gott des Reichtums, griechisch Ploutos, lateinisch Pluto. Dieser ist von Obergott Zeus aus disziplinarischen Gründen mit Blindheit geschlagen. Das Stück handelt von Herrn Chremylos, Kleingewerbetreibender mit Zehn-Stunden-Tag, und Fräulein Fifine, seiner Sklavin, Zwölf-Stunden-Tag. Beide lieben sich und treiben es toll miteinander. Trotzdem wäre etwas mehr Bargeld als willkommene Beigabe zu begrüßen.

Also geht es um alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, oder?
Dass das Geld die Welt, so wie wir sie leider organisiert haben, zusammenhält, ist eben der Haken. Arbeit ist eher weniger geeignet, es in ausreichender Quantität heranzuschaffen. Chremylos lässt den sehbehinderten Geldgott auf eigene Kosten heilen und hofft auf dessen Dankbarkeit. Er lässt sich vom Geldgott eine Blase aufschwatzen und dünkt sich nun fest verankert in der großen Geschäftswelt. Eigenkapital? Kein Problem. Er verkauft Fifine.

Eine tragische Geschichte. Hacks schrieb doch zumeist Komödien, Stücke voll schwebenden Humors, Gebilde aus Leichtigkeit. Ist dies auch hier zu erwarten?
»Schwebender Humor, Gebilde aus Leichtigkeit«: Dasselbe haben unsere Voreltern über Mozart gesagt. Engt das nicht ein wenig ein? Hacks hat Zähne, wie Mozart auch. Die wollen wir ihm doch nicht ziehen. Absolutes Ja zum Amüsement! […] Aber nachdem Chremylos sein Leben nach den Regeln der Geldwirtschaft ausgerichtet hat, verändert er sich bis zur Unkenntlichkeit. Im Stück spielt das goldene Wunderhorn der Glücksgöttin Fortuna eine Rolle. Fifine kriecht ins Horn und will nicht wieder hinaus, denn im Horn ist das Glück. Chremylos beansprucht das Glück allein für sich. Leider kommt er an Fifine nicht vorbei. Hacks lässt ihn verkünden: »Durch sie durch!« Durch den Körper einer Person hindurch zum Ziel zu gelangen, ist der Unversehrtheit dieser Person eher abträglich. Ein Glück, dass das Stück in dem Augenblick aus ist.

Gab es für Sie einen besonderen Anlass, Hacks, und gerade den »Geldgott«, aufzuführen?
Erstens, der Dichter hat 2013 seinen zehnten Todestag. Zweitens, die Zeiten sind danach. Wobei an »Geldgott« das Interessante ist: Chremylos glaubt zwar, sich auf die Siegerseite der Finanzgesellschaft hinüberbegeben zu haben, kommt aber in keiner Weise unter unter den Siegern an. Hierzu ist er ein viel zu kleiner Fisch. Das Mitspielenwollen im System bringt ihm nichts. Etwas bringen würde es ihm, das System in Frage zu stellen. Auf die Idee kommt er leider nicht, aber das Publikum darf darauf kommen. […]

Übernehmen Sie die Textfassung eins zu eins?
Hacks´ Text ist ein ideales 'Theatermaterial. Theater aber ist ein schöpferischer Akt.

Hacks war enorm sprachmächtig, ein großer Stilist. Macht das es den Schauspielern schwer oder leicht?
Schwer.

Was wünschen Sie sich vom Publikum?
Viel Neugier.