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2012
DER MÜLLER VON SANSSOUCI
Ein bürgerliches Lustspiel
von Peter Hacks
Berlin

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Groteske, geeignet, dem Militarismus beizukommen
Gerd Bedszent/ In: Junge Welt, 08. 10. 2012

»Noch ein Theaterstück über Friedrich Zwo, den Popstar des Jahres?« wird auf dem ausliegenden Programmzettel gefragt. […] Die Feierlichkeiten zum 300. Wiegenfest des Alten Fritzchens im Jahr 2012 blieben fast ungestört. In Lobliedern auf den »Feldherrn und Feingeist« werden Kriegstote heute so selbstverständlich unterschlagen wie das Nachwirken preußischen Militarismus’ in der Gegenwart. Zum Glück kam nun in Kreuzberg kein Stück über Fridericus Rex zur Premiere, sondern eins gegen ihn, Peter Hacks’ »Der Müller von Sanssouci« (Uraufführung 1958 am Deutschen Theater).

Hacks hat die aus dem späten 18. Jahrhundert stammende Legende um den Konflikt des Königs mit dem Inhaber einer benachbarten Mühle, deren Lärm angeblich beim Regieren störte, kräftig gegen den Strich gebürstet. […]

Die Produktion des Simon-Dach-Projekttheaters ist sehr textgenau. Regisseur Peter Wittig hat bis auf wenige Ausnahmen auf Änderungen und aktuelle Einschübe verzichtet. Sie wären auch überflüssig. Die Brisanz, zu der das Programmheft Verteidigungsminister Thomas de Maizière zitiert (»Gezieltes Töten ist ein Fortschritt«), ist auch so offenkundig. Vom ersten Moment an, in dem zwei Schauspieler mit dem Ruf »Arbeit für Brot, kein Schuß für den Despot« die Bühne stürmen, und man sich an längst vergangene Maifestspiele erinnert fühlt. Dabei hat Hacks die Szene geschrieben, als Kreuzberg noch ein stinknormaler Westberliner Bezirk war.

Wohltuend ist der Verzicht auf naturalistisches Zeitkolorit; Dreispitze und Krückstock reichen zur Historisierung aus. Ein gutes Dutzend Darsteller spielt mehr als doppelt soviele Rollen, in aller Regel entstellend geschminkt in weißen (Toten-)Hemden. Nur der Magd und dem Knecht werden in dem monströsen Kaspertheater Farben zugestanden. Die Groteske erweist sich als geeignet, der Glorifizierung des Krieges beizukommen. Friedrich ist in der Darstellung durch Margarete Steinhäuser ein bösartiger, gefährlicher Clown: genau beobachtend, schnell reagierend, lustvoll die eigene Gemeinheit auskostend. Machtbewußt nimmt er Vorteile ohne Skrupel war, macht sich dann über Dummheit und serviles Duckmäusertum seiner Untertanen lustig.

Ihre stärksten Momente gewinnt die Inszenierung, wo es gegen den Militarismus geht. Den Eintritt in den Krieg zeigen stahlbehelmte Raubvogelfratzen. Der Umbau eines harmlosen Jungen zur Kampfmaschine wird zum Höhepunkt des Abends: Tarnhelm, moderner Kampfanzug und zum Stechschritt der Gesang: »Das hat Fridericus / Selber gesagt, Daß alle junge Pursche / Müssen werden Soldat.«


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Groteske, eine alberne
Andreas Flämig, 14. 10. 2012

Im Friedrich-Jahr 2012 Friedrich II. auf die Bühne des Theaterforums Kreuzberg zu bringen, ist mutig und gefährlich zugleich. […]

Die DDR-Geschichtsschreibung […] steckte den „ersten Diener seines Staates“ zeitgeschichtlich in eine aggressive militante Nische. Da hatte der deutsch-deutsche Dramatiker Peter Hacks (1928–2003) gar keine andere Chance, als in das gleiche ideologische Horn zu tuten. Ergo ist seine […] Komödie „Der Müller von Sanssouci“ alles andere als ein Lustspiel, vielmehr als Versuch anzusehen, ein halbes Jahrhundert preußischer Geschichte lächerlich zu machen. Doch 1986 kam es zu einem erstaunlichen Wandel […] Seitdem galoppiert Friedericus Rex wieder Richtung Brandenburger Tor.

Vergaloppiert aber hat sich Peter Wittigs jüngste Inszenierung der Hacks’schen Komödie. […] Dabei hat er eine gar vorzügliche Truppe um sich geschart, die ihm, dem Regisseur, bereitwillig zu folgen bereit ist. […] Doch Peter Hacks hat die schöne Legende vom Müller von Sanssouci bereits 1958 demontiert und genüsslich seziert. Wittig setzt ein halbes Jahrhundert später dem noch eins drauf, zitiert im eigentlich ganz gut gestalteten Programmheft Thomas de Maizière und Joachim Gauck und tutet in das blecherne Horn, die Deutschen würden seit 1740 unverwandt marschieren, marschieren, marschieren. Erst in die Lausitz, dann nach Schlesien und jetzt in Afghanistan.

Aus dem allerliebsten Knecht Nickel (sehr gut – Ludwig Drengk!) wird binnen 125 Spielminuten eine seelenlose Militärmaschine, die preußische Generalität mutiert zu tanzenden Aasgeiern. All das kommt schrecklich schwarz-weiß daher, gepresst in weiße Nachthemden. Oder sind es Büßerhemden? […] Friedrich II. (sehr überzeugend – Margarete Steinhäuser) schwingt unbeirrt die Reitgerte, auch als Peitsche zu gebrauchen. Das macht den Müller von Sanssouci (solide, sehr solide – Ian Hansen) krumm, krümmer, am krümmsten. […]

Der Gutmensch in mir nimmt bereitwillig und gerne diverse Regieeinfälle wahr, lächelt anerkennend angesichts des kuriosen „Hofkonzertes von Sanssouci“, grinst bereitwillig, als der Müller wiehernd durch die Manege getrieben wird. Aber er kann beim besten Willen keine Komödie erkennen, die er doch gar zu gerne erlebt hätte. Stattdessen muss er eine Groteske ertragen, eine alberne. […]