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2011
LORCA.BERNARDA.FRAGEN.
Bernarda Albas Haus
von Federico García Lorca
Deutsch von Enrique Beck
In einer Bearbeitung von Peter Wittig
(Lorca, Neruda und Alberti benutzend)
Berlin

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Garcia Lorca neu gedeutet
antifa-Gespräch mit Autor und Regisseur Peter Wittig

Im November hat in Berlin Ihre Inszenierung „Lorca. Bernarda. Fragen“ Premiere, die Sie auf der Grundlage von Federico García Lorcas Stück „Bernarda Albas Haus“ entwickelt haben. Worum geht es in dem Stück und warum haben Sie es modernisiert?
Bernarda Albas Haus wird bewohnt von ihr selbst, ihren fünf Töchtern, der Großmutter María Josefa und der Hausangestellten La Poncia. Die Töchter rebellieren gegen die Herrschaft der Mutter. Adela, die Jüngste, macht vor ihren Schwestern das Rennen um den Traummann Pepe el Romano. Wir haben das Stück konkretisiert und politisiert. Es kam darauf an, den historischen Kontext hineinzubringen. Unsere Inszenierung spielt zwischen der Niederschlagung des asturischen Bergarbeiteraufstandes durch Franco (1934) und dem faschistischen Putsch gegen die spanische Republik (1936). Adela will hinaus in die Freiheit, aber wessen Freiheit herrscht da draußen? Die der künftigen Machthaber.

Habe ich also richtig verstanden, dass die Grundlage ihrer Lorca-Rezeption der Antifaschismus ist?
Das sind wir Lorca schuldig. Seine Antwort auf Franco war die Gründung des Bundes Antifaschistischer Intellektueller – zusammen mit dem Christen José Bergamín und dem Kommunisten Rafael Alberti. Was mich betrifft, ich komme aus der DDR, dort hatten wir den verordneten Antifaschismus, das war eine gute Schule. Zum Stück selbst: In ihm treten keine Männer auf, aber alles Denken kreist um sie. Einer ist der erwähnte Platzhirsch Pepe el Romano, die anderen sind fremde Landarbeiter. Es hat enorme Konsequenzen für das Stück, wenn wir voraussetzen, dass alle diese Männer Faschisten sind. Die Erntearbeiter „mähen mitten in Feuergarben“. Das ist Originaltext. Man kann auch etwas anderes niedermähen als Getreide, und realiter kommen Feuergarben aus den Mündungen von Maschinenpistolen.

Gilt nicht Bernarda Alba, die Familiendiktatorin, als Personifizierung des Faschismus?
Das wäre zu einfach. Sie, ihre fünf Töchter und La Poncia sind Kleinbürger.
Der Faschismus bedient ihre kleinbürgerlichen Ängste, Motto: Lieber tot als rot, und fasziniert sie durch seine Ästhetik der Macht. Speziell die Rollen der Töchter Magdalena und Amelia (in Lorcas Original kaum mehr als Stichwortgeber) in dieser Richtung auszubauen bot sich an.

Sie haben also den Text bewusst verändert?
Ich habe um- und hinzugeschrieben. Und ich habe Texte aus anderen Quellen eingefügt, insbesondere lyrische Texte: von Lorca selbst, von Pablo Neruda und von Rafael Alberti. Die Rolle der María Josefa entstand aus diesem Material völlig neu. Bei Lorca ist sie eine verrückte Alte; bei uns ist sie eine Linke, und gespielt wird sie von Gina Pietsch.

Die Ermordung von García Lorca ist 75 Jahre her, eine große historische Zeitspanne. Sehen Sie trotzdem Verbindungen, die bis in die Gegenwart reichen?
Die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen – Nazis und Bürger_innen Hand in Hand – sind 20 bzw. 19 Jahre her. Einige der Täter erhielten milde Jugendstrafen, nach langer Zeit. Andersherum geht es schneller. Der Staatsanwaltschaft Dresden zu Gefallen wurde vor wenigen Wochen die Immunität von Bodo Ramelow und André Hahn aufgehoben, Fraktionschefs der Linken in Sachsen und Thüringen. Sie begingen das schwere Vergehen, die Blockade des Dresdener Naziaufmarsches am 13. Februar 2010 mitorganisiert zu haben.

antifa November/ Dezember 2011

Interview: Dr. Regina Girod

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Politisches, also notwendiges Theater

„Lorca. Bernarda. Fragen.“ So nennt Bearbeiter, Regisseur und Ausstatter Peter Wittig seine Inszenierung von „Bernarda Albas Haus“ […] indem er auf acht Personen reduzierte und Texte hinzufügte, von Lorca selbst sowie von Rafael Alberti und Pablo Neruda, also auf Augenhöhe. […] Acht engagierte Schauspielerinnen füllten den Innenraum mit rhythmisch diszipliniertem Spiel und konzentrierten szenischen Abläufen – das Kollektiv war gefragt und formierte sich zwischen Fragen (Muß es so sein, dieses Leben?) und Anklagen – gegen Faschismus und Krieg. Eine Figur (Maria Josefa) entwickelt sich politisch aktiv nach links. Das abweichend vom Stücktext und also neu zu zeigen, gelang Gina Pietsch. Allzu viel Raum zum individuellen Gestalten konnte es im Ganzen nicht geben, daher seien nur noch Beate Maria Schulz als Bernarda und Sarah Graf als Adela genannt. Wir sahen politisches, also notwendiges Theater. Schade, daß solche Arbeit nur so kurz gezeigt und dadurch von so wenigen Zeitgenossen gesehen werden konnte!

Jochanan Trilse-Finkelstein. In: Ossietzky 1/ 2012

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Fragen über Fragen…

Wittig ist grausam. Wittig ist brutal. Er schont weder sich, noch seine Schauspielerinnen, und das Publikum schon gar nicht.[…] Wittig ist genial. Wittig ist ein liebenswerter Tagträumer. Und ein begnadeter Künstler, der weiß, wie man mit Licht und Schatten umgehen muss. Seine Sicht auf Licht ist getrübt. Er hat Angst und schürt Ängste, vor Franco Anno 1936 und vor Franco Anno 2011. Die Legion Condor marschiert. Deren Tritt haben die sächsischen NSU-Bataillone längst aufgenommen, mit dem schrecklichen Lied auf den Lippen: „Heute gehört uns Deutschland, und morgen…“[…] Wittig liebt die Frauen. Und er gebraucht sie, schonungslos. „Seine“ Frauen gieren nach Männlichkeit, nach „blauen Hemden“, nach „silbernen Blitzen“, nach Stolz, Kraft, Ehre und Treue. Als genau diese Sehnsüchte in Sicht sind, bekommen die zerbrechlichen Femininen ihren ersehnten Orgasmus, der sie, einige Szenen später, zum „deutschen Gruß“ treibt.[…] Wittig ist ein Advokat der Ängste. Er stellt Fragen über Fragen, bohrende, böse. Dem kann sich keiner entziehen. Wittig gibt keine Antworten. Das macht hilflos und wütend.

Margarete Steinhäuser gibt eine graue, fast diabolisch wirkende Magd La Poncia, devot und gefährlich zugleich. Ist sie das Gift, das den Dorfbrunnen ungenießbar macht? Gina Pietsch wächst von der Großmutter Maria Josefa zur Hexe im besten Shakespeare’schen Sinne. Katja Lawrenz (Angustias) gerät zum Hingucker. Sie windet sich, sie triumphiert und unterliegt dennoch. Ein Blickpunkt! Alexandra Maria Johannknecht als Martirio müsste man eigentlich in den Arm nehmen, sie schützen und liebhaben. Janina Klinger und Cora Thomann als Zwillingsschwestern Magdalena und Amelia lästern und geifern und wirken dennoch schrecklich zerbrechlich. Sarah Graf gehört ins Rampenlicht. Ihre Adela rührt und berührt. Am liebsten würde man sie vor der Katastrophe warnen wollen. Beate Maria Schulz (Bernarda Alba) kommt als Spanierin daher, überzeugend stolz, unbeugsam und dennoch verletzlich. Sie trägt als einzige Schuhe, dennoch läuft sie barfuß. Frank Wildanger (Licht) versteht sein Fach. Selten sah man so viel gespenstige Dunkelheit. Peter Wittig (Regie) bleibt im Hintergrund. Und ist sichtbarer denn je.

Es ist das Beste, was SiDat! bislang produziert hat, ohne jegliche Rücksicht auf Publikums-Befindlichkeiten.

Andreas Flämig, 30. November 2011

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