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2010
HERBSTSONATE
von Ingmar Bergman
Berlin

Täter und Opfer

SiDat! überrascht mit Bergmans „Herbstsonate“ im tik süd

Am Mute hängt der Erfolg! Ob Regisseur Peter Wittig Fontanes Ausspruch kennt? Beherzigt hat er ihn auf jeden Fall, denn sich an Ingmar Bergmans legendäre „Herbstsonate“ heranzuwagen, grenzt schon an Übermut. 1977 als Drehbuch verfasst, ein Jahr später mit Ingrid Bergman und Liv Ullmann verfilmt, geriet dieser Streifen in die positiven Schlagzeilen. Die leuchten noch heute.

Im tik süd (theater im kino, Boxhagener Straße  18), Kooperationspartner des SiDat!, dagegen ist es am Abend des 31. Oktober dunkel, sehr dunkel. Auf engstem Bühnenraum, eingekeilt in ein trapezförmig gespanntes weißes Trassierband, müssen vier Personen miteinander auskommen: Charlotte, die gefeierte Pianistin und Anti-Mutter; Eva, ihre Tochter, unglücklich verheiratet mit Viktor, dem Pfarrer der hiesigen Gemeinde; und Pflegefall Elena, zweite Tochter von Charlotte, spastisch gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Aus diesem „Gefängnis“ gibt es kein Entrinnen. Die Figuren prallen zwei dramatische Spielstunden aufeinander, ziehen sich magnetisch an, um sich Sekunden später wieder abzustoßen, von Hass und Unverständnis gepeinigt. Dabei suchen alle vier nach Nähe, Verständnis und Geborgenheit und scheitern an ihrer Unfähigkeit, jene geben zu können.

Ingmar Bergmans Story erscheint auf den ersten Blick banal. Eine Mutter kümmert sich nicht um ihre Familie, sondern lebt nur für ihren Beruf und ihre Karriere. Ihr Ehemann erduldet dieses Schicksal, vermag aber nicht, seinen beiden Töchtern die Mutter zu ersetzen. Die eine, Helena, wird zum Pflegefall und in ein Heim abgeschoben, die andere, Eva, flüchtet sich in eine lieblose Ehe, bekommt einen Sohn und verliert ihn wenige Jahre später durch einen tragischen Unglücksfall. Erst danach treffen die beiden wichtigen Protagonisten Charlotte und Eva aufeinander, erwarten Liebe und Zuneigung, erleben aber nur Hass und Einsamkeit.

Ist das der Stoff, aus dem die Alpträume der Gegenwart gewoben werden?

Bei Peter Wittig auf jeden Fall. Er erspart seinen Schauspielern nichts. Sie müssen leiden, kämpfen und verlieren. Das Interessante aber an dieser Inszenierung ist die völlig neue Sicht auf die Figuren. Was bei Ingmar Bergman eindeutig Täter (Charlotte) und Opfer (Eva) zu sein scheint, wird hier anders definiert und tief ausgelotet: Margarete Steinhäusers Charlotte ist eine starke, selbstbewusste, aber auch zerrissene Frau, sympathisch und Mitleid erregend zugleich. Verzweifelt sucht sie ihrem reichen, von Höhen und Tiefen geprägten Leben Sinn zu geben, neuen Sinn, zu späten Sinn. Die wohl eindrucksvollste Szene gelingt Steinhäuser bei „ihrem“ Chopin. Anderthalb spannende Minuten „spielt“ sie ihn, tonlos, nur von einem warm-grellen Spot beleuchtet. Dank ihres Mienenspiels „hört“ man förmlich jeden Ton dieses Prélude a-Moll. Kurz vorher sitzt ihre Tochter Eva (Katja Lawrenz) am Klavier und intoniert das gleiche Stück. Man „hört“ es wiederum, diesmal in den Gesichtern von Viktor (Klaus Bobisch) und ihrer Mutter. Während der Ehemann entzückt jeder Note folgt, kann sich Charlotte, mehr Pianistin als Mutter, ob der „Fehlinterpretation“ nur mühsam beherrschen.

Lawrenz gibt keine brave, bedauernswerte Tochter, sondern ein unglückliches Biest, das nach Anerkennung giert und sie nicht finden kann. Die Samariterin glaubt man ihr schon nach wenigen Sekunden nicht mehr. Wie sie ihre behinderte Schwester (Heidrun Turina)  im Rollstuhl (von sich weg-) schiebt, sagt eigentlich schon alles. Turina spielt zwar „nur“ eine Nebenrolle, aber wie sie die spielt, dieses Beklemmende, dieses Ächzen und Sehnen nach Zuwendung, das geht unter die Haut! Apropos „Nebenrolle“: Klaus Bobisch als Viktor ist vielleicht die einzige Figur, an die man zu glauben vermag und der man gern zuhört. Vielleicht liegt das auch an Bobisch’s resonanzreicher Stimme, die für ein wenig Wärme sorgt.

Und dann der „Koffer“! Außer zwei trostlos weißen Stühlen und einem Hocker im Halbdunklen befindet sich sonst nichts auf der kargen Bühne. Aus dem Koffer aber quillt das pralle Leben, wärmende Wolldecken, die fast zu Leichentüchern werden, bunte Kleider und kostbarer Schmuck, die Ängste und Leere aber nicht verhüllen können. Und dann wird dieser Koffer zum Nachtlager, auf dem wohltuende Ruhe aber nicht zu finden ist. Dieses wichtige Requisit gehört zu Charlotte. Sie zerrt es auf die Bühne, um Schluss flüchtet sie damit.

Gut, sehr gut sogar, dass Wittig am Schluss keine Versöhnung zulässt. Ein ganz klein wenig Hoffnung dagegen ja.
Eigentlich müssten alle Eltern mit ihren erwachsenen Kindern ins tik gehen oder die erwachsenen Kinder mit ihren Eltern.  Vielleicht erkennen sie sich da und dort  wieder? An ihnen wäre es, bessere Antworten zu finden.

Andreas Flämig, 14480 Potsdam, 01.11.2010

 

     
   
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