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2014
VOLKER BRAUN
DIE HELLEN HAUFEN

Neue Bühnenbearbeitung von Peter Wittig

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Junge Welt Freitag, 24. Oktober 2014

Dort donnert Dynamit
Hauch einer ausgefallenen Revolution:
Volker Brauns »Helle Haufen« auf einer Berliner Theaterbühne
Gerd Bedszent

»Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk!« Trotzig schleudern acht Schauspielerinnen und Schauspieler zu Beginn der Aufführung das Zitat des revolutionären Theologen Thomas Müntzer in den Zuschauerraum. In der Erzählung »Die hellen Haufen« von Volker Braun (Suhrkamp, 2011), die hier auf die Bühne kommt, prangt Müntzers Forderung auf »so etwas wie einem Firmenschild« eines Bergwerks: »Wer sie geben soll, war nicht vermerkt, und ob es sie haben will, wurde nicht gefragt.«

Stück und Vorlage führen zurück ins Jahr 1990. Die DDR ist politisch passé, ihre allerletzte Regierung mit der eigenen Abwicklung beschäftigt. Braun schildert aus Sicht einiger Beschäftigter der von der Treuhand zum Zwecke der Stillegung verkauften Bergwerke Thüringens und Sachsen-Anhalts ein letztes Aufflackern von Widerstand. Ausgerechnet im konservativen und stockkatholischen Eichsfeld kam es damals zu massiven, gut organisierten Protesten der Kalikumpel. Im nicht weit entfernten Mansfeld führte die komplette Einstellung des Kupferbergbaus nur zu Ausbrüchen ohnmächtiger Wut.

Wäre etwas anderes möglich gewesen? Hätten die Kumpel im übertragenen Sinne Berge versetzen können? Brauns Erzählung verlässt bald das Feld sehr gründlich recherchierter Fakten. Was wäre passiert, wenn sich Zehntausende Arbeiter dem Marsch der hungerstreikenden Kalikumpel angeschlossen hätten? Wenn sich anhaltinische Chemiewerker, sächsische Textilarbeiterinnen, mecklenburgische Schiffsbauer mit den Bergleuten solidarisiert und linke Theoretiker die Forderungen der Bewegung in ein Programm gegossen hätten? Nicht von ungefähr finden sich in Brauns Erzählung reihenweise Zitate und Bilder früherer Sozialrevolten, so des Bauernkrieges von 1525 oder des mitteldeutschen Aufstandes von 1921. Der Dichter verlängert die Revolutions-geschichte der Region imaginär ins Gegenwärtige: Die sich zusammenrottenden Haufen aufständischer Arbeiter verabschieden zwölf Artikel über die Einrichtung einer besseren Welt und graben ihre vor 70 Jahren versteckten Waffen aus.

Theatralisiert hat die Erzählung Regisseur Peter Wittig, der in der »Wendezeit« Meisterschüler der Akademie der Künste und Oberspielleiter am Theater Greifswald war. Er ist nah an der Vorlage geblieben, hat auf postmodernen Schnickschnack verzichtet und Anleihen beim großen politischen Theater des 20. Jahrhunderts genommen: Sprechchöre, szenische Kollagen, Pantomime, revolutionäre Lieder. Kurze, leise Szenen unterbrechen den Erzählfluss. Eindringliche Bilder werden gefunden. Hilflosigkeit und Verzweiflung der Aussortierten werden so überzeugend auf die Bühne gebracht wie das Anwachsen ihres Zorns. Ohrenbetäubend stampfen die Sprechchöre, die sanfte Stille der Vordenker zwingt zum Mitdenken. Mit sparsamen Mitteln wird die Bühne zur Grotte, in der sich Aufständische sammeln, dann zum Schlachtfeld ihrer Niederlage, auf dem sie in Zeitlupe dahinsinken. Die Witwe eines im Hungerstreik Gestorbenen knüpft ihre Schürze an eine Stange, so weht über den Hingestreckten die rote Fahne. Und Erich Mühsam kommt zu Ehren: »Hier geht der rote Hahn auf / dort donnert Dynamit. / Der Bürger macht die Hosen voll / und schwitzt um den Profit.« Für Augenblicke leistet das Theater, was nur Theater leisten kann: Ein Hauch der ausgefallenen Revolution weht herüber.

Im anschwellenden Herumgeheule zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ist dieses Stück ein wichtiger Beitrag zur Erinnerung an das bewusste Plattmachen einer ganzen Industrielandschaft zwischen Ostsee und Erzgebirge, Oder und Werra. Der Probelauf war erfolgreich. Heute lassen kapitalistische Großmächte für die Profitmaximierung gerne komplette Volkswirtschaften demontieren und dazugehörige Sozialsysteme zerschlagen, um die übriggebliebene Bevölkerung dem Hunger sowie dem Terror krimineller Banden zu überlassen.

Eine zornige Theatralisierung eines höchst aktuellen Textes.



Der Zorn der Arbeiter
Christian Baron / In: neues deutschland / 17. 10. 2014

»Die hellen Haufen« - Im Theaterforum Kreuzberg ist Volker Brauns Erzählung zu sehen

Kreisförmig und schneeweiß steht sie auf dem Boden, jene kämpferische Losung, die seit Jahr und Tag auf einer Steintafel des Thomas-Müntzer-Schachts in Sangerhausen zu sehen war: »Die Macht soll gegeben werden dem gemeinen Volk«. Es ist jenes gemeine Volk, dessen Schicksal an diesem Nachmittag verhandelt wird. Während draußen die Herbstsonne strahlt, will das Ensemble des »Simon Dach Projekttheaters« im finsteren Raum des Theaterforums Kreuzberg inmitten der jubelbesoffenen Mauerfall-Feierlichkeiten eine verdrängte Episode greifbaren Klassenkampfes reanimieren. Vergessen ist diese Episode, obwohl sie erst rund zwanzig Jahre zurückliegt.

Allerlei Kostüme und Requisiten deuten die Brisanz an, schon jetzt, vor dem Probenbeginn. Auf der Bühne gehen Männer und Frauen mit Tunnelblick auf und ab, murmeln Sätze wie »Der Aufstand, von dem hier berichtet wird, hat nicht stattgefunden« oder »Die Belegschaft bestimmt, was und wofür produziert wird, nämlich was sinnvoll ist«. Am Rand liegen Bergmannshelme, aus einer der hinteren Ecken sticht die dort abgestellte rote Fahne heraus. Während die Schauspieler, weiterhin Textversatzstücke vor sich hin sprechend, ihre silbrigen Grubenanzüge überstreifen, schreitet der Regisseur mit einem schweren Hammer quer übers Parkett. Ein Vorgeschmack auf das, was da kommen mag? Theater mit der Holzhammermethode?

Inhaltlich geht es hier definitiv ans Eingemachte, denn die Akteure bringen Volker Brauns 2011 erschienene Erzählung »Die hellen Haufen« zur Aufführung. Es gibt bereits eine Bühnenfassung von Steffen Mensching, die im Frühjahr 2013 am Theater Rudolstadt uraufgeführt wurde. Nun also eine neue Bearbeitung, die sich dem durch die Republik wabernden »Unrechtsstaats«-Einheitsbrei und der undifferenzierten BRD-Glorifizierung kunstvoll entgegenstellt. Um nichts anderes als die reale Geschichte des zu Beginn der 1990er Jahre von der Treuhand übel abgewickelten Kalibergbaus in Thüringen und Sachsen-Anhalt geht es hier. Damals, als im thüringischen Bischofferode die Arbeiter gegen die Schließung ihrer zuvor beachtlich florierenden Werkstätten protestierten.

Sie taten dies letztlich ebenso vergeblich wie die Mansfelder Kumpel, denen gar die Demütigung zuteil wurde, an der Vernichtung ihrer eigenen Arbeitsplätze mitzuwirken. Braun spinnt die tragische Story noch weiter: Im dritten Teil setzt ein fiktiver Bericht ein, der über den Zorn der Arbeiter fabuliert, die zu Hunderttausenden gegen das ihnen zugefügte Unrecht zu Felde ziehen. Ebenjenen dritten Teil möchte Regisseur Peter Wittig nun sehen von den Kollegen. Nach alter Schule siezt er seine Leute bei Nennung des Vornamens: »So, wir starten. Merlin, Sie gehen bitte voran!«

Acht Schauspieler wenden sich dem Publikum zu und intonieren chorisch den fiktiven Teil aus Brauns Text. Nachdem der Ärger sich angestaut hat, möchten sie jetzt die »Geschichte über den Rand schreiben«. Ihre kalte Enteignung wollen sie sich nicht bieten lassen, denn »dass man das Seine nicht hat, ändert nichts daran, dass es einem de jure gehört«. Hier sprechen die Arbeiter im Chor mit einer Stimme, eben als heller Haufen, und sie kennen auch ihren Feind. Es ist nicht eine Person, nicht ein Funktionär und erst recht nicht eine Partei, sondern ein Gesellschaftssystem, in welches man sie zu zwängen trachtet, das »den Gewinn maximieren will und nicht den Sinn«.

Die Protagonisten sind dementsprechend mehr Berichterstatter als Figuren. Dialoge finden kaum statt; sie sind aber auch nicht nötig, weil die Schauspieler das Nichtgeschehene vor den Augen der Zuschauer mithilfe der beseelten Sprache des Autors und ihres eigenen gestischmimischen Gespürs gekonnt vitalisieren. Gespielt wird nicht Braun pur, sondern Wittigs eigene Bühnenfassung. Vielleicht erklärt das die Sorgfalt, die er seinem Cast abverlangt. Immer wieder unterbricht der Spielleiter die Darbietung, weist auf Ungenauigkeiten hin, die zu diesem Probenzeitpunkt noch problemlos beseitigt werden können. »Langsame, glatte Sechzehntel«, hallt es vom Technikbereich herab, »kein Legato!«. Dem zähen Ringen des Ensembles um Konzentration und Präzision ist anzumerken, welch hartes Stück Arbeit ein solches Chorstück sein muss.

Die Situation spitzt sich zu. Nachdem das Nachdenken der Vordenker (etwa Pfarrer Schurlamm, der für Schorlemmer steht) nicht gehört wurde, gehen die Arbeiter dazu über, die zwölf »Mansfelder Artikel« zu proklamieren. »Die Arbeit ist gerecht zu verteilen«, rufen sie da. Oder: »Schädliche Arbeit und schädliche Produkte sind untersagt.« Da klingelt auf der Zuschauertribüne ein Handy. Es ist das mobile Telefongerät des Regisseurs. Gedämpft durch eine Tasche, dringt der Sound des Klassenkampfes durch, denn es ertönt die von Hanns Eisler komponierte Melodie zum Lied »Der heimliche Aufmarsch«. Im Refrain gibt es die Zeile: »Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre zur Hand!« Welch Zufall, der ideal zur Haltung dieser Inszenierung passt.

Gleicht die Aussage des Songs doch jener, die Wittig in seine Aufführung integriert hat. Am Ende nämlich schlägt die Bundeswehr die Proteste blutig nieder. In des Regisseurs Deutung ist es nichts anderes als die Gewaltlosigkeit der meisten Demonstranten gewesen, die den Erfolg verhindert hat. Wittig unterstreicht dies mit einem Auszug aus Volker Brauns »Werktage 2«: »Treuhandchef Detlev Rohwedder ermordet. Eine schreckliche, unbegreifliche Tat? Nein! Eine schreckliche und begreifliche Tat!« Wahrlich, das ist Theater mit dem Holzhammer. Aber mit einem wohl geschliffenen.

Hammer und Sichel im Kreuzberger Ährenkranz
Andreas Flämig/ 20. Oktober 2014

Peter Wittig schwingt, von Volker Braun animiert, den Vorschlag-Hammer und drischt damit auf alles Treuhänderische und die „kapitalistische“ Politik der Nachwendezeit los. Fürwahr, in Bischofferode hat es 1993 absolut keine „blühende Landschaften“ gegeben, eher ist hier das ureigene Menschenrecht auf Arbeit gestorben, u. a. im Kali-Schacht „Thomas Müntzer“.

Geblieben ist, zumindest auf der Bühne des Theaterforums Kreuzberg, ein kreisrundes, schwarzes Loch, in dem sich vierzig Jahre lang die DDR-Symbole Hammer, Sichel und Ährenkranz befunden haben. Was tun? Wittig platziert in diese Leere seinen Kali-Kumpel-Chor, der, ganz antik und Brecht zugleich, zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten lang singt, stampft, tanzt, klagt und droht: „Die Macht soll gegeben werden dem gemeinen Volk.“

Ja, lieber Peter Wittig, wo leben wir denn? Im Bauernkrieg des 16. Jh., in der Mansfeldischen Räterepublik Anno 1921 oder im Hier und Heute des Jahres 2014? Was soll der Hammer, was soll das unsichere Kreide-Zirkeln in der Bühnenmitte? Und der magere Ährenkranz? Der taugt nicht mal mehr zum Hungerstillen beim Hungerstreik in der Bitteröder Kantine.

In der Schlussszene der Premiere am 17.10.2014 werden Wittigs acht Protagonisten, sein „heller Haufen“, von der von oben fallenden Deutschlandfahne fast erschlagen. Sie entwirren das Schwarz-Rot-Gold, hüllen sich darin ein und schauen fragend und drohend zugleich durch das kreisrunde Loch. Und formieren sich erneut: diesmal hinter der Roten Fahne. Die Macht soll gegeben werden dem gemeinen Volk???

Zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten lang frage ich mich: Quo vadis SiDat!? Was soll das ewig Gestrige, das DDR-Verklärende, das melancholische Was-Wäre-Wenn-Gefrage?

Ja, ja, ja, Kunst darf alles, darf Fragen stellen, Finger auf schlecht vernarbte Wunden legen, Utopien skizzieren, Ängste schüren, Recht haben und Recht bekommen wollen, zumindest auf der Bühne.

Sehen- und Hörenswert ist das allemal, wie Peter Wittig Volker Brauns Erzählung dramatisierte. Im ersten Teil wird die Frage nach dem „Was war?“, im zweiten nach dem „Warum?“ gestellt. Der dritte ergießt sich in abenteuerliche Spekulationen: „Was wäre gewesen wenn?“

Und inszenieren kann Wittig allemal! Das ist sein Metier, hier schwingt er phantasievoll und gekonnt den Regie-Zauberstab, arbeitet wirkungsvoll mit sparsamen Licht, Farben, Requisiten, starken Kontrasten und geometrischer Symbolik.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Chor, gar prächtig aufgestellt und beachtlich agierend. Hier gibt es keine Neben-, sondern nur Hauptrollen mit wahnsinnig viel Text versehen, der zudem oft gegen den Strich gebürstet ist und den Protagonisten viel abverlangt, vor allem Musikalität und ein enormes Rhythmusgefühl.

Dem Rezensenten drängt sich, trotz dieser fulminanten Leistung, 25 Jahre nach dem Mauerfall, dennoch die Frage auf:

Die DDR hat sich verzirkelt und ist deshalb unter den Hammer gekommen. Was soll daher diese fast böse anmutende Trauer und Anklage?

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Die hellen Haufen
Daniel Anderson/ livekritik.de / 22. 10. 2014

Die Revolution findet im Saal statt.

Im Theatersaal des 'Theaterforum Kreuzberg'. Eigentlich ist sie dort falsch, die Revolution, denn sie hätte nach draußen gehört, damals, kurz nach der sogenannten 'Wende', die in Wahrheit eine feindliche Übernahme war. Aber das wissen wir heute, das haben wir damals nicht bemerkt oder wollten es auch gar nicht bemerken, denn die D-Mark hatte fast allen die Sinne vernebelt. Plötzlich waren Menschen, die sich durch offene Zäune in Richtung Westen auf und davon machten oder auf Botschaftsgelände campierten, Helden, Menschen, die ihre Kinder einfach sich selbst überließen, um auf der anderen Seite ein besseres, sprich mit materiellem Wohlstand angefülltes Leben zu führen, wurden nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Nur die, die sich ihre Heimat nicht nehmen lassen wollten, die wurden bestraft, verachtet und letztlich als Masse doppelt freier Lohnarbeiter vergessen.

Volker Braun berichtet in seinem Text "DIE HELLEN HAUFEN" von einem nichtstattgefundenen Aufstand, von einer nichtstattgefundenen Revolution. Als die Kalikumpel im Mansfeld von der Treuhand 'abgewickelt' wurden, wie es euphemistisch heißt, hätte es diese Revolution geben können. So wie sich die Haufen der Bauern um Thomas Müntzer schon einmal dort sammelten und gegen die, die ihre Existenz vernichten wollten, zu Felde zogen, so hätten die 'Die Hellen Haufen' der Kalikumpel gegen den Ausverkauf ihres Lebens marschieren können. Sie schwankten damals zwischen Hoffnung auf neue Investoren, Wut auf Anschlussgewinnler und Trauer um ihre gebrochene Biographie. Eine ganze Region versank schließlich in Agonie. Die Kumpel und ihre Familien ergaben sich ihrem Schicksal, nachdem ein Hungerstreik den nunmehr Mächtigen im Land nur ein müdes Lächeln abringen konnte. Wer konnte, floh. Frauen verließen ihre Männer, bei denen die geballte Faust aus der Hosentasche auch schon mal auf den neuen Besitzer der örtlichen Reifenwerkstatt niedersauste. Kleine Ventile, den Druck aus dem Kessel zu lassen.

Braun spinnt den Faden weiter – "was wäre, wenn?" Hätte es vielleicht einen wie den Anarchisten Hölz gegeben, wäre der "Keine-Gewalt-Kampf" vielleicht ganz schnell in einen bewaffneten Aufstand umgeschlagen. Hätte die Bundeswehr eingreifen und auf die Neubürger aus dem Anschlussgebiet geschossen, wären die als bewaffnete, 'Helle Haufen' in Richtung Landes- und Bundeshauptstadt gezogen? Wäre es zum Blutbad gekommen, das Monate zuvor während der Montagsdemos nicht stattgefunden hatte? Wäre dadaurch das Schicksal der Kalikumpel zu ändern gewesen? Und wie sähe dieses Land heute, mehr als zwanzig Jahre danach aus?

Das "sidat! Projekttheater" feiert mit seiner zehnten Produktion ein Jubiläum. Dass es die Uraufführung der Bühnenbearbeitung des Volker Braun Textes durch Regisseur Peter Wittig ist, mag Zufall sein, vielleicht auch nicht. Das Ensemble agiert vorwiegend als Chor, also als Volk in der Tradition griechischer antiker Dramatik. Die Handelnden Figuren treten aus diesem Chor hervor und werden so zu Stellvertretern. Dabei gelingt es den Schauspielern exellent, ihre Figuren mit nur wenigen Strichen so eindrücklich zu skizzieren, dass der Zuschauer mit einer gewissen Irritation zurückbleibt, werden die Szenen beendet. Einzelne Figuren werden synchron von mehreren Darstellern gespielt oder entschwinden visuell und sind nur noch auditiv anwesend. Verfremdungseffekte also allenthalben: kleinteilige Strukturierung; projizierte Zwischentitel wie im Stummfilmkino; Masken; Helmlampen, die die Schauspieler tragen, als Lichquelle; ein Nylonnetz, unter dem das Ensemble mit ausgestreckten Armen spielt; Fotoprojektionen; Gesänge. Die Inszenierung tut alles, um mich den großen geschichtlichen Atem der Vorgänge deutlich spüren zu lassen, mir ein Dazwischenkommen mit meiner Meinung zu ermöglichen, Haltung zu provozieren, Aktion zu denken. Professionelles Agit-Prop-Theater und gleichzeitig Theaterexperiment auf höchstem Niveau. Jedes Bild, jeder Satz, jeder Vorgang ein Hammerschlag und gleichzeitig ein fragiles Modell. Eine reife, sehr geschlossene Ensembleleistung, die dem Gegenstand angemessen ist und ihm zur unbedingten Eindringlichkeit verhilft. Gerade, dass 'echte' Figuren mit Typen konkurieren und manchmal sogar gleichzeitig während eines Vorgangs existieren, macht die hohe Kunst des Spiels und der Regie fast überdeutlich. Zu keinem Moment wird Langatmigkeit zugelassen, zu keinem Augenblick.

Ein grandioser, außergewöhnlicher, mutiger Theaterabend.

Ein Aufstand, der nicht stattfand
Peter Nowak / Der Freitag/ Kultur / 27. 10. 2014

In der aktuellen Ausgabe des Freitag stellt Jana Hensel ein Buch des Historikers Philipp Ther über den Siegeszug des Neoliberalismus nach dem Zusammenbruch des Nominalsozialismus vor. Da wird nebulös davon gesprochen, dass keinem der betroffenen Länder die Tragweite dieser Entwicklung bewusst war Doch das Buch geht auf einen wesentlichen Fakt nicht. Es mag sein, dass einen großen Teil der Lohnabhängigen dieser Länder die Entwicklung nicht bewusst gewesen ist. Relevanten Kapitalfraktionen jedoch war diese Entwicklung nicht nur bewusst, sie trieben sie zügig voran und sorgten auch dafür, dass einem Großteil der Subalternen diese Entwicklung nicht bewusst. Die Publizistin Naomi Klein sprach von einer Schocktherapie, wie sie bereits nach dem faschistischen Putsch in Chile durchgesetzt wurde, um der unbeschränkten Diktatur des Kapitalis den Weg zu bereiten. Der österreichische Publizist Hannes Hofbauer beschreibt in seinem gerade im Verlag Promedia erschienenen Buch "Die Diktatur des Kapitals", wer bei dem großen Raubzug, die korrekte Übersetzung des Begriffs Privatisierung heißt rauben, gewonnen und wer verloren hat.

„Mit ihm öffnet sich für das westliche Investoren eine in weiten Teilen bisher verschlossene zweite Welt, ein scheinbar unbegrenzter Markt für Absatz und Arbeitskraft.“ Dabei betont Hofbauer, dass nicht das Ende der unflexiblen Planwirtschaften, die bereits vorher die Kontrolle über eine Reihe von ökonomischen Grundlagen das Problem seien, sondern das Fehlen einer sozialistischen Alternative sowohl vom Nominalsozialismus als auch zum realen Kapitalismus. Hofbauer bestreibt sehr detailiert die kapitalistische Landnahme in Osteuropa. In den frühen 90er Jahren wurde die Region ein Praxisfeld für einen unverhüllten Neoliberalismus. Am Anfang stand eine Hyperinflation, die Hofbauer als Enteignung der Besitzlosen“ klassifizierte. In kurzer Zeit waren oft langjährige Ersparnisse von Millionen Menschen fast wertlos. Im Anschluss folgte in vielen Ländern eine Politik der Deindustrialisierung, wobei darauf geachtet wurde, dass mögliche Konkurrent_innen für Westkonzerne ausgeschaltet wurden. Dafür war auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die Treuhand zuständig, in anderen Ländern hatten die Behörden andere Namen, aber ihre Tätigkeiten waren überall ähnlich. Die Gebiete sollten reif für den Weltmarkt gemacht werden. Hofbauer beschreibt im Detail, die Folgen. Eine hohe Erwerbslosigkeit, eine massive Verarmung und eine Zerrüttung der gesellschaftlichen Grundlagen dieser Länder.

„Ihr seit das Salz der Erde“

Der Dramatiker Volker Braun hat in seinen Roman „Die hellen Haufen“ deutlich gemacht, was diese hier relativ abstrakten Prozesse konkret mit den Menschen machen. Es geht um die Bergleute in Thüringen, die nach der euphemistisch Wende genannten Rückkehr des Kapitals in die DDR zunächst freudig die neue Zeit begrüßten und in ihrer großen Mehrheit CDU wählten. 1992 mussten sie die Erfahrung machen, dass ihr Werk geschlossen wird und sie als überflüssige Arbeitskräfte auf den Markt geworfen wurden. Damals gab es ein kurzes aber viel beachtetes Aufbäumen. Die Arbeiter_innen von Bischofferode machten Schlagzeilen nicht, weil ihr Kampf besonders radikal war, sondern weil sie zu den wenigen Gehören, die überhaupt widersprochen hatten. Sie waren allerdings keineswegs die Einzigen. In den frühen 90er Jahren gab es durchaus mehr Belegschaften, die sich wehren wollten gegen Zurichtung für den kapitalistischen Markt. Dazu köntne sicher der Publizist Helmut Höge, als teilnehmender Beobachter mehr sagen.

Im Kreuzberger Theaterforum brachte das „Simon Dach Projekttheater“ das Stück von Braun nun in einer Bearbeitung von Peter Wittig auf die Bühne. 2 Stunden und 45 Minuten dauerte die Vorstellung und sie war nur selten langweilig. Denn die 8 Mimen Lisa Blaschke, Nadja Herzog, Sivia Reichert, Sophie Ritz, Merlin Delhaes, Andre Dyllong, David Hannak und Markus Riexinger verstanden es, die sehr eindringliche Sprache von Braun mit ihrer schauspielerischen Gestik und Mimik lebendig darzustellen und dem Publikum somit auch ein Stück Zeitgeschickte zu vermitteln. Im ersten Teil des Stücks bis zur Pause geht es um die realen Auseinandersetzungen. Die Bergarbeiter_innen und ihre Unterstützer_innen verließen sich zu sehr auf die christliche Bergpredigt, jubelten den Pfaffen zu, die ihnen erklärte, dass sie das Salz der Erde seien und sahen ihren größten Erfolg in einer Audienz beim Papst, der ihnen nur die Hoffnung mit auf dem Weg gab, dass sich für sie alles zum Guten wenden möge. Da werden sich die Herren von Kali & Salz aber mächtig gefürchtet haben. Die Konzernzentrale in Kassel wollte das Bergwerk nicht etwa schließen, weil die Produkte unrentabel waren, sondern in Gegenteil. Sie konnten mit den Westprodukten konkurrieren und mussten deshalb weg. Das sah auch die Führung der zuständigen DGB-Gewerkschaft so, die nicht etwa mit den protestierenden Kolleg_innen solidarisch gewesen ist, sondern sie zur Kapitulation aufforderte.

Über den Rand geschrieben

Im zweiten Teil des Theaterabends wurde ein Szenario auf die Bühne gebracht, das zumal im volksgemeinschaftlich organisierten Deutschland wohl noch länger Utopie bleiben muss. Die Protestierenden orientieren sich nicht an Pfaffen und Papst sondern an dissidenten Kommunist_innen und Sozialist_innen in der DDR und in der eigenen Geschichte. Hier hat Braun meisterhaft die Geschichte des Rätekommunisten Max Hoelz eingeflochten, der 70 Jahre vorher, Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, eine wichtige Rolle bei den damaligen Kämpfen von Arbeiter_innen im Manfelder Land spielte. In seiner Verteidigungsrede vor Gericht sagte Hoelz, dass die Solidarität das einzige Kapital des internationalen Proletariats ist. Die Schauspieler_innen, die sich textlich sehr an der Fassung von Braun halten, nennen diese Formulierung einer kämpferischen Utopie, dass "Über den Rand schreiben". Und sie entlassen das Publikum mit der Frage in die Nacht, warum die Geschichte, nicht hätte so stattfinden können? Ein solch engagiertes Theater im besten Sinn bekommen wir leider heute zu selten geboten. Dafür gibt es noch zu viele Theaterstücke, die sich über Werte wie Solidarität lustig machen und Proletarier_innen als Gestalten aus dem Vorvorgestern darstellen. Damit sind sie ganz nah bei den selbsternannten klugen Köpfen dieser Gesellschaft. In der FAZ bescheinigte die Journalistin Sabine Brandt Brauns Roman „abgelebte Weltsichten“ und hofft, dass Braun nur mit sich selbst spricht. Dabei geht es in seinen Stück immer wieder um die tragische Einsamkeit der kämpferischen Arbeiter_innen. Warum haben die Kolleg_innen aus Mansfeld sich den Protesten nicht angeschlossen, bevor sie nur wenig später selber abgewickelt wurden, lautet eine Frage. Das „Simon Dach Projekttheater“ hat mit dem Stück mit dazu beigetragen, dass das Wunschbild der Zeitung mit den klugen Köpfen und den Anzeigen vom großen Kapital sich nicht erfüllt. Gerade in einer Zeit der Krise nicht des Kapitalis sondern vieler Menschen, die von ihrer Lohnarbeit nicht leben kennen, könnte die Frage, die Braun sich stellt, in vielen Köpfen auf Widerhall stoßen. Hofbauers Buch „Die Diktatur des Kapitals“ könnte dann dabei helfen, etwas Klarheit in die Köpfe zu bekommen, damit die kapitalistischen Schocktherapien, die schon vorbereitet werden, vielleicht nicht nächste Mal ihre Wirkung nicht mehr so einfach entfalten können.